Die al-ʿAbbās-Brigade und die Rollen des Irans und Iraks – Schiitische Milizen II

Bereits im ersten Teil dieser Artikelserie wurde am Beispiel der Brigade Zulfiqar gezeigt, dass auf der Seite des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad schiitische Milizen im syrischen Bürgerkrieg aktiv sind. Die wohl bekannteste dieser Organisationen ist die so genannte Liwāʾ Abū l-Faḍl al-ʿAbbās li-l-difāʿi ʿan maqām as-Sayyida Zaynab, übersetzt „Brigade Abū al-Faḍl al-ʿAbbās zur Verteidigung des Schreins von Zaynab“ (LAFA). Sie hat sich – wie auch die Brigade Zulfiqar, nach eigenen Angaben zum Schutz des Grabes von Zaynab im Süden von Damaskus gegründet, das sie durch sunnitische Islamisten bedroht sieht. Im Folgenden wird nicht nur die LAFA dargestellt, zudem soll auf die Rollen des Irak und des Iran in Bezug auf schiitische Milizen sowie auf die Interessenskonflikte der beiden Staaten untereinander eingegangen werden.

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Logo der LAFA

Die Rolle der LAFA in Syrien
Ein genaues Gründungsdatum der LAFA steht nicht fest. Es ist aber davon auszugehen, dass sich die Gruppe im letzten Quartal 2012 gegründet hat und dass sie Ende 2012 militärisch in Syrien aktiv wurde. Bei Youtube tauchten im Dezember 2012 erstmals Videos der Gruppe auf, die sie bei militärischen Aktionen zeigen. Benannt hat sich die Organisation nach einem Sohn des Imams ʿAlī, namens al-ʿAbbās, der in die schiitische Geschichte als tapferer Märtyrer einging, dem, bei dem aufopferungsvollen Versuch während der Schlacht von Kerbela Wasser für seinen eingekesselten Halbbruder usayn und dessen Anhänger zu besorgen, beide Arme abgeschlagen worden waren, bevor er schließlich eines qualvollen Todes starb.

Der Anführer der al-ʿAbbās-Brigade ist ein gewisser Abū ʿAǧīb und auch wenn sich auf den Webseiten von Unterstützern beinahe eine Art Personenkult um ihn entwickelt hat, ist wenig über ihn bekannt. Dem Dialekt nach zu urteilen scheint er aber aus Syrien zu stammen oder jedenfalls dort aufgewachsen zu sein. Über die tatsächliche Größe der LAFA ist viel spekuliert worden. Die Schätzungen variieren beträchtlich. Wurde die personelle Stärke der Miliz Ende 2012 auf 200 Personen geschätzt, so ist mittlerweile von bis zu 1500 Kämpfern die Rede. Die LAFA macht zudem einen sehr organisierten Eindruck. Ihre Mitglieder tragen einheitliche Uniformen mit eigenen Abzeichen.

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Anführer der LAFA Abū ʿAǧīb (links) neben Abū Hāğar von der Brigade Zulfiqar (rechts)

Die LAFA scheint zu einem Großteil aus irakischen Kämpfern zu besteht. Darauf deuten enge (auch personelle) Verbindungen zu anderen schiitischen Organisationen wie der Katāʾib Ḥizb Allāh und der ʿAsāʾib ʾAhl al-Ḥaqq im Irak hin. Zusätzlich soll sie auch mit der Ḥizb Allāh im Libanon kooperieren. Es ist auffällig, dass all diese Gruppen vom Iran unterstützt werden.

Schiitische Milizen als Werkzeug des Iran?
Die Tatsache, dass sich die LAFA vor allem aus Mitgliedern anderer, maßgeblich vom Iran unterstützter Milizen im Irak und im Libanon rekrutiert, legt die Vermutung nahe, der Iran versuche über diese, ideologisch mit ihm verbundenen Milizen, Einfluss auf den Verlauf des Krieges zu nehmen, um seinen wichtigen Verbündeten Assad nicht zu verlieren. Es ist kein Geheimnis, dass das Syrien Assads stets der beste, ja sogar einzige arabische Verbündete des Irans war. Über Syrien nahm er Einfluss auf die Ḥizb Allāh und den Libanon, die Hamas sowie andere wichtige Player des Nahen Ostens. Grund genug Assad mit großer Kraftaufwendung an der Macht zu halten. Es ist daher wenig überraschend, dass wichtige schiitische Gelehrte in der iranischen Stadt Qom, dem theologischen Zentrum des Iran, zum Kampf in Syrien aufgerufen haben. Auch das Training schiitischer Milizen soll von iranischen Revolutionsgarden organisiert werden. Die Nähe der LAFA zum Iran und zu anderen, vom Iran unterstützten Milizen lässt sich auch an ihrem Logo erkennen, das ähnlich wie das der Ḥizb Allāh an das Symbol der iranischen Revolutionsgarden angelehnt ist.

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Logo der iranischen Revolutionsgarden, der Ḥizb Allāh, der al-ʿAbbās-Brigade und der irakischen ʿAsāʾib ʾAhl al-Ḥaqq

Es liegt nahe, dass die iranische Führung das südliche Damaskus rund um den Schrein Zaynabs zu einem Ausgangspunkt ihrer Intervention in Syrien gemacht hat. Der Stadtteil war lange eines der beliebtesten Ziele schiitischer Pilger im Land und ist seit langer Zeit von schiitischen Reisenden und Anwohnern vor allem iranischer Provenienz geprägt, die durch die religiöse Bedeutung des Ortes angezogen wurden. Persisch war auch in der Zeit vor dem Bürgerkrieg eine Sprache, die von vielen Menschen um den Schrein gesprochen wurde. Der iranische Einfluss insbesondere auf die schiitischen Wohnviertel rund um den Schrein Zaynabs ist demnach schon lange groß. Auch viele irakische Schiiten, die aufgrund der Kriegssituation in ihrem Heimatland nach Syrien geflohen waren, ließen sich dort nieder. Die dadurch entstandenen Strukturen nutzen nun schiitische Milizen, die zwar auch in anderen Teilen von Damaskus und dem Rest Syriens aktiv sind, zugleich aber im Bezirk Sayyida Zaynab eine Art Rückzugsort haben.

Ausdehnung des irakischen Bürgerkriegs nach Syrien
Wie bereits bei der Brigade Zulfiqar deutlich wurde, ist auch bei der LAFA ihr großer Anteil an irakischen Mitgliedern auffällig. Nach Angaben irakischer Milizen sollen etwa 50 Kämpfer pro Woche vom Irak aus zum Kampf nach Syrien reisen. Ein Grund für dieses Phänomen könnte die Furcht vieler irakischer Schiiten vor einem islamistischen, sunnitischen Staat in Syrien sein, der eventuell nach einem Sturz des Assad-Regimes folgen könnte. Noch dazu sind unzählige irakische Sunniten in verschiedenen militanten, islamistischen Gruppen der syrischen Rebellen aktiv. Auf eine gewisse Weise wird der irakische Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten somit nicht nur im Irak selbst, sondern auch in Syrien ausgetragen. Die schiitische Regierung des Irak könnte deshalb ein Interesse an einer Schwächung der extremistischen sunnitischen Kräfte in Syrien haben, selbst wenn sie sich einer offenen Parteinahme bisher enthält. Die schiitischen Milizen widerum zeigen immer wieder Sympathien für die schiitische irakische Führung. Auf den Facebook-Auftritten der LAFA und ihrer Unterstützer wird auf einigen Bildern dem irakischen Präsidenten Nuri al-Maliki gehuldigt.

Bis heute kursieren Gerüchte, die irakische Regierung würde es bereitwillig zulassen, dass schiitische Kämpfer über die Grenze nach Syrien in den Kampf ziehen. Auch von Unterstützung durch Waffenlieferungen ist die Rede. Milizionäre berichten sogar davon, dass sie gut organisiert und bewaffnet von irakischen Flughäfen Richtung Syrien aufgebrochen sind.

Spannungen zwischen Irak und Iran
Auf den ersten Blick scheinen somit die beiden schiitisch dominierten Staaten Irak und Iran ähnliche Haltungen gegenüber der Situation in Syrien zu haben. Einhellig ist deren Beziehung jedoch keineswegs. Seit dem Sturz Saddam Husseins und seines Baath-Regimes ist der Iran dabei seinen Einfluss im Nachbarland Schritt für Schritt zu vergrößern. Dies jedoch häufig auf Kosten der dortigen schiitischen Gelehrten. Während viele irakische Geistliche nämlich häufig sehr zurückhaltend gegenüber einer zu deutlichen Einmischung in die Politik sind, wird auf iranischer Seite das Prinzip des Wilayat al-Faqih gepredigt. Dieses, auf Ayatollah Khomeini zurückgehende Konzept sieht eine Herrschaft des obersten schiitischen Rechtsgelehrten vor, womit erstmals in der schiitischen Geschichte die religiösen Gelehrten direkt die Herrschaft im Staat übernahmen. Dieses Grundprinzip der Islamischen Republik Iran versucht selbiger seit der islamischen Revolution Ende der 70er Jahre zu exportieren.

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Kämpfer der al-ʿAbbās-Brigade bei einem Einsatz in Syrien

So zum Beispiel unter den Schiiten im Libanon und im Irak. Auf politisch-religiöser Ebene lässt sich dies zum Beispiel an, von iranischen Stellen finanzierten Büros iranischer Gelehrter, NGOs und Kulturzentren beobachten. Diese Einrichtungen, die vor allem in Najaf, einem der Zentren der Schia im Irak entstehen, arbeiten daran die iranische Interpretation des schiitischen Islams zu verbreiten und damit auch seine staatlichen Interessen durchzusetzen. So ist der iranische Flügel der Rechtsgelehrten klar für einen Einsatz in Syrien, während die irakischen Geistlichen Najafs einen Einsatz in Syrien ablehnen. Ayatollah al-Sistani beispielsweise, die höchste schiitische Autorität im Irak, stellte sich gegen eine Einmischung in Syrien, da al-Sistani den dortigen Konflikt als einen politischen und nicht religiösen betrachtet. Damit steht er nicht nur den Geistlichen im Iran entgegen, sondern auch den, am iranischen Modell orientierten irakischen Gelehrten. Immer wieder haben verschiedene Imame im Irak in Predigten ihre Anhänger dazu aufgerufen in den Kampf nach Syrien zu ziehen.

Die Frage für oder gegen einen Einsatz in Syrien ist im Irak somit auch eine Frage, wie viel Autorität die irakischen Geistlichen gegenüber dem iranischen Einfluss besitzen. Die Mobilisierung irakischer Freiwilliger für die al-ʿAbbās-Brigade bietet dem Iran zudem zwei Vorteile. Zum einen kann er relativ verdeckt militärisch in den syrischen Bürgerkrieg eingreifen ohne zu viele eigene iranische Kämpfer zu entsenden, was den außenpolitischen Druck enorm erhöhen würde. Zum anderen sprechen die irakischen Kämpfer mit Arabisch die gleiche Sprache, die auch in Syrien gesprochen wird. Für eine militärische Kooperation mit der syrischen Armee werden somit keine Übersetzer gebraucht, was ein gemeinsames Vorgehen der verschiedenen Kämpfer deutlich erleichtert.

Dies ist der zweite Teil einer Serie von Artikeln zu schiitischen Milizen im syrischen Bürgerkrieg. Der erste Teil handelte von der Brigade Zulfiqar und ihrer Rolle im syrischen Bürgerkrieg. Im dritten und letzten Teil soll der Frage nach den Mobilisierungsmethoden der Milizen und ihrem Einsatz religiöser Symbolik nachgegangen werden.

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