Zwischen Himmel und Hölle – Deutsche Salafisten gegen Mouhanad Khorchide

Als am vergangenen Donnerstag Mouhanad Khorchide, Professor für Religionspädagogik an der Universität Münster, den Bundespräsidenten Joachim Gauck zu einem Besuch am Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) empfing, da schien es fast so, als sei nun endlich der ideale Kandidat für die Ausbildung der künftigen Lehrer des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen gefunden. Diesen Posten hatte Khorchide im Juli 2010 angetreten, nachdem sein Vorgänger Sven Kalisch, wegen dessen umstrittener Infragestellung der Existenz des Propheten Muhammad, von der Lehrerausbildung entbunden wurde. Doch der Schein trügte. Nur wenige hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem sich der Bundespräsident mit dem liberalen Reformtheologen Khorchide traf, machten dessen Kritiker mobil.

Pierre Vogel, der wohl bekannteste salafistische Prediger in Deutschland, hatte nämlich zusammen mit anderen Islamisten zu einer Gegenveranstaltung aufgerufen. Dabei forderte Ex-Boxer Vogel den Münsteraner Professor zu einer „Islam-Debatte“ heraus und sparte auch nicht mit großen Worten als er drohte, mit Khorchide „argumentativ den Boden zu wischen“. Rechnete die Polizei anfänglich mit 500 Teilnehmern, fanden sich am vergangenen Donnerstag letztlich nur etwa 150 Personen in der Nähe des Rathauses Münster ein, um gegen das ZIT und dessen Leiter zu demonstrieren. Allemal genug, um in Politik und Medien für einen weiteren kleinen Skandal zu sorgen. So sprachen sich CDU und die Grünen der Stadt Münster im Vorfeld gegen die geplante Protestaktion der Islamisten aus.

VogelKhorchide

Prediger Vogel bei der Demonstration vom 28.11.13 gegen Khorchide und das ZIT Münster

Doch was genau bringt die Salafisten gegen den neuen Leiter des ZIT auf? Dessen Islamverständnis scheint jedenfalls einen so starken Eindruck hinterlassen zu haben, dass sich unterschiedliche salafistische Prediger dazu veranlasst fühlten, öffentlich, d.h. vor allem via Internet, auf die Lehren Khorchides zu reagieren. Bereits ein gutes Dutzend Videos mit Stellungnahmen und Predigten gegen den Münsteraner Theologen wurde von Vogel und anderen salafistischen Hardlinern wie Sven Lau und dem, wegen seiner den Dschihad verherrlichenden Aussagen in die Kritik geratenen Laienprediger Ibrahim Abu Nagie bei der Video-Plattform Youtube online gestellt. Dort wird Khorchide nicht nur mit einer Flut von Beleidigungen überzogen, sondern auch immer wieder als Ungläubiger bezeichnet.

Hölle als Metapher
Was die inhaltliche Kritik betrifft, so lautet der häufigste Vorwurf von Seiten der Salafisten, Khorchide würde die Existenz der Hölle leugnen. Dabei ist gerade die Ausmalung der Höllenqualen, die Nichtmuslime dereinst zu erwarten hätten, für Islamisten eines der herausragenden Propagandamittel zur Werbung neuer Glaubensbrüder. Schlimmer noch, soll der umstrittene Theologe erklärt haben, dass es sogar Atheisten möglich sei in das Paradies zu kommen. Vogel wirft Khorchide deshalb vor, den Islam auf die Barmherzigkeit Gottes zu reduzieren, wo doch der Begriff der göttlichen Gerechtigkeit mindestens genau so wichtig sei. Zwar sei Allah gegenüber den gläubigen Muslimen gütig und barmherzig, würde aber gleichfalls, in seiner Eigenschaft als gerechter Gott, am Tag des jüngsten Gerichts die Ungläubigen bestrafen.

Dabei ist auch Khorchide der Ansicht, dass eine Hölle existiert. Nur deren tatsächliche Ausgestaltung will er metaphorisch, als Entfernung zu Gott verstanden wissen und weniger als die glühende Feuergrube, wie es die Überzeugung der Salafisten ist. Doch mit dieser Deutung rüttelte er massiv am salafistischen Islamverständnis, das für sich in Anspruch nimmt, auf einer wortwörtlichen Auslegung des Korans und der Sunna des Propheten zu basieren. Was in dem Streit zwischen Salafisten und Khorchide durchscheint ist die uralte und zu vielen Zeiten der islamischen Geschichte geführte Diskussion, ob die Worte des Korans nun wortwörtlich oder metaphorisch zu verstehen sind. Gerade in Bezug auf die Beschreibung von Hölle und Paradies hatte dabei schon der große muslimische Gelehrte und Begründer der sunnitischen Theologie Abū l-Ḥasan al-Ašʿarī (gest. 935) zur Vorsicht gemahnt.

Die theologischen Unterschiede zwischen den Salafisten und Theologen wie Khorchide sind also groß. So wenig überraschend es daher war, dass er sich letzten Endes nicht auf das von Vogel geforderte „Duell“ einließ, so unerwartet kam hingegen die Nachricht, dass Khorchide im November einen eigenen Youtube-Kanal eingerichtet hat, um zu den ihm entgegengebrachten Vorwürfen Stellung zu beziehen. In bisher vier Videos äußert sich Khorchide zu theologischen Fragen wie zum Beispiel der, ob es überhaupt islamisch erlaubt sei einen anderen Muslim als Ungläubigen zu bezeichnen. Mit seinen theologischen Abhandlungen im Internet begibt sich der Münsteraner Professor damit auf das „ureigene“ Terrain der Salafisten, die, früher als viele andere, das Internet als Plattform für die Verbreitung ihrer Lehren entdeckt haben. Dass er damit den Salafisten auf ihrem eigenen Feld Konkurrenz macht, dürfte deren Zorn nur weiter anheizen.

Furcht vor „Irrleitung“ muslimischer Schulkinder
Was Islamisten wie Vogel jedoch besonders ärgert, ist die Furcht davor, dass der „Islam-Professor“ durch seinen Einfluss auf die Ausbildung der künftigen islamischen Religionslehrer, jungen muslimischen Schülern ein falsches Islambild vermitteln könnte. Zudem habe Khorchide schon durch seine Bücher einen so großen Einfluss auf die deutschen Muslime, dass ihm von salafistischer Seite vorgeworfen wird, er wolle systematisch den Islam zerstören. Diese Anschuldigung geht häufig mit der verschwörungstheoretischen Behauptung einher, der deutsche Staat stehe letzten Endes hinter dieser angeblichen „Islamzerstörung“.

Wie ernst es den Salafisten damit ist Khorchide zu demontieren zeigt auch die Aufforderung des Mönchengladbacher Laienpredigers Sven Lau eine Art Querfront mit Gruppen, „mit denen man vielleicht nicht so eng zusammenarbeitet“, wie der DITIB, Mili Görüş und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) einzugehen, um Khorchide und dessen „gemeingefährliche“ Lehren loszuwerden. Somit werden plötzlich Gruppen, die in der Vergangenheit von den Salafisten teilweise massiv kritisiert wurden, in Bezug auf den Münsteraner Islam-Professor zu Verbündeten. Nicht zuletzt hatten auch gemäßigte muslimische Vertreter wie Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats seine Kritik an Khorchide und dem ZIT bekundet.

Es bleibt daher abzuwarten, ob die Salafisten und andere muslimische Gruppen letzten Endes doch damit Erfolg haben werden das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium dazu zu bewegen, Khorchide von der Ausbildung der künftigen Islam-Lehrer zu entbinden. Sollte der Wirbel um dessen Thesen anhalten, stehen die Chancen nicht schlecht, dass auch Khorchide, wie bereits dessen Vorgänger Kalisch gezwungen sein wird, seinen Platz zu räumen. Folgen müsste dann ein deutlich weniger liberaler islamischer Theologe, damit das ZIT nicht endgültig jede Glaubwürdigkeit unter vielen deutschen Muslimen verliert.

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Weiterführende Links:

Youtube-Kanal von Mouhanad Khorchide
Herausforderung Vogels zu einer „Islam-Debatte“

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One Comment on “Zwischen Himmel und Hölle – Deutsche Salafisten gegen Mouhanad Khorchide”

  1. […] Zwischen Himmel und Hölle – Deutsche Salafisten gegen Mouhanad Khorchide (30.11.2013) […]


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